Internationale Arbeitsgruppe veröffentlicht neue Leitlinie zu Long COVID

Internationale Arbeitsgruppe veröffentlicht neue Leitlinie zu Long COVID

Die neue Leitlinie einer internationalen Arbeitsgruppe zeigt, welche Massnahmen bei Long COVID empfohlen werden, wo Daten fehlen und wie belastbar die wissenschaftlichen Belege sind.

Eine internationale Arbeitsgruppe hat 2026 eine Leitlinie mit zehn Empfehlungen zu Long COVID bei Erwachsenen veröffentlicht. Nach WHO-Definition bestehen Beschwerden drei Monate nach der Infektion fort oder treten neu auf, dauern mindestens zwei Monate und sind nicht anders erklärbar.

Primär richtet sich die Publikation an Ärztinnen und Ärzte, Pflegefachpersonen sowie Fachpersonen der klinischen Pharmazie und Grundversorgung. Auch Menschen mit Long COVID kann sie Orientierung bieten: Sie zeigt, was empfohlen wird, wovon abgeraten wird und wo Daten fehlen. So kann sie im Gespräch mit Fachpersonen unterstützen.

 

Wie entstand die Leitlinie?

 

Beteiligt waren 60 Personen aus zehn Ländern und zehn Fachgebieten. Nach dem Leitlinienhandbuch der WHO formulierten sie acht klinische Fragen und bewerteten die Evidenz (wissenschaftliche Belege) mit dem GRADE-Verfahren (siehe Infobox). Auch Perspektiven von Betroffenen flossen ein.

Nach drei Befragungsrunden unter 24 Fachpersonen wurden die Empfehlungen verabschiedet. Berücksichtigt wurden Nutzen, Risiken, Präferenzen, Akzeptanz und Kosten. Alle Empfehlungen für oder gegen eine Massnahme sind «bedingt»: Ob eine Massnahme geeignet ist, hängt von der gesundheitlichen Situation sowie von Nutzen, Risiken und persönlichen Präferenzen ab. Die Evidenz reicht von sehr niedriger bis moderater Sicherheit; für keine Empfehlung liegt Evidenz von hoher Sicherheit vor.

 

Wie lauten die Fragestellungen und die jeweiligen Empfehlungen?

 

1. Welche Impfungen oder Behandlungen können Long COVID vorbeugen?

Eine COVID-19-Impfung wird bedingt empfohlen – unabhängig von einer früheren Infektion. Studien deuten auf ein vermindertes Long-COVID-Risiko hin, unterscheiden sich aber stark. Die Evidenzsicherheit ist sehr niedrig.

Auch antivirale Medikamente während der akuten COVID-19-Phase werden bedingt empfohlen, besonders bei erhöhtem Risiko. Indikationen, Risiken und Wechselwirkungen sind zu beachten. Für weitere untersuchte Massnahmen formuliert die Leitlinie keine eigene Empfehlung.

2. Sollten bei Long COVID antivirale Medikamente eingesetzt werden?

Die Leitlinie rät bedingt von Nirmatrelvir/Ritonavir ab. In einer Studie mit 155 Erwachsenen verbesserten sich die Beschwerden nicht wesentlich. Für andere antivirale Medikamente fehlen ausreichende Daten.

3. Sollten bei Long COVID monoklonale Antikörper eingesetzt werden?

Für neutralisierende monoklonale Antikörper gibt es weder eine Empfehlung dafür noch dagegen. Die Daten reichen zur Beurteilung nicht aus. Das bedeutet nicht, dass die Behandlung nachweislich unwirksam ist.

4. Sollten bei Long COVID Multispezies-Probiotika eingesetzt werden?

Sie werden bedingt zur Symptomlinderung empfohlen. Studien zeigten Verbesserungen bei Fatigue und weiteren Beschwerden. Die Evidenzsicherheit ist moderat. Da verschiedene Präparate und Dosierungen untersucht wurden, gelten die Ergebnisse nicht für jedes Probiotikum.

5. Sollten bei Long COVID Glukokortikoide eingesetzt werden?

Davon rät die Leitlinie bedingt ab: bei anhaltenden Atemwegsbeschwerden zur Verbesserung der Herz-Lungen-Funktion sowie bei Riechstörungen. Die Ergebnisse waren widersprüchlich oder klinisch nicht bedeutsam; Langzeitrisiken wurden unzureichend untersucht.

6. Sollten bei Long COVID Immunmodulatoren eingesetzt werden?

Für bestimmte Immunmodulatoren bei Long COVID mit interstitieller Lungenerkrankung gibt es weder eine Empfehlung dafür noch dagegen. Die Daten reichen zur Beurteilung nicht aus.

7. Sollte bei Long COVID eine kognitive Verhaltenstherapie eingesetzt werden?

Sie wird bedingt zur Linderung von Fatigue empfohlen. Dies unterstellt ausdrücklich keine psychische Ursache. Die Evidenzsicherheit ist niedrig.

8. Sollte bei Long COVID Rehabilitationstraining eingesetzt werden?

Empfohlen wird eine individuell angepasste Rehabilitation unter fachlicher Anleitung – nach Abklärung einer Post-Exertional Malaise (PEM), also einer Verschlechterung nach Belastung. Ohne PEM können Atemübungen und angepasstes Training möglicherweise helfen. Bei PEM liegt der Schwerpunkt auf Aktivitätsmanagement, Ruhe und Pacing, nicht auf einer Steigerung der Belastung.

 

Wo liegen die Grenzen?

 

Viele Daten stammen aus englischsprachigen Beobachtungsstudien unterschiedlicher Qualität. Die Leitlinie bezieht sich auf Erwachsene; für Kinder fehlen ausreichende Daten. Sie ist daher ein Zwischenstand, keine Liste eindeutig wirksamer Standardtherapien.

 

 

 

 

Was ist das GRADE-Verfahren?
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