Warum trifft es manche, aber andere nicht? Risikofaktoren bei Long COVID

Warum trifft es manche, aber andere nicht? Risikofaktoren bei Long COVID

Warum manche Menschen nach Corona Long COVID entwickeln und andere nicht: Was die Forschung bislang über Risikofaktoren weiss.

Nach einer Corona-Infektion stellen sich viele Menschen dieselbe Frage: Warum bin ausgerechnet ich betroffen?

Während sich einige schnell erholen, bleiben bei anderen die Beschwerden über Wochen oder Monate bestehen. Long COVID kann sehr unterschiedliche Verläufe haben und auch Menschen betreffen, die zuvor gesund waren. Eine einfache Antwort darauf gibt es bisher nicht.

 

Es gibt keine klare Ursache

 

Long COVID ist kein einheitliches Krankheitsbild. Die Symptome reichen von Erschöpfung und kognitiven Einschränkungen bis hin zu körperlichen Belastungsintoleranzen. Da sie von Person zu Person sehr unterschiedlich sind, ist es schwierig, eindeutige Risikoprofile zu definieren.

Die Forschung zeigt jedoch, dass es bestimmte Faktoren gibt, die mit einem erhöhten Risiko für anhaltende Beschwerden verbunden sein können. Diese erklären das Risiko jedoch nicht vollständig und bieten im Umkehrschluss auch keinen Schutz davor.

 

Was bisher beobachtet wurde

 

Ein wiederkehrender Befund in Studien ist, dass der Verlauf der akuten Infektion eine Rolle spielen kann. Personen, die einen schweren Krankheitsverlauf hatten oder im Krankenhaus behandelt werden mussten, insbesondere auf der Intensivstation, entwickeln häufiger langfristige Beschwerden. Als mögliche Ursachen werden unter anderem starke Entzündungsreaktionen und körperliche Belastung während der akuten Phase diskutiert.

Wichtig ist: Ein schwerer Krankheitsverlauf ist keine Voraussetzung, denn auch milde oder zunächst harmlos erscheinende Infektionen können zu Long Covid führen. Genau das macht es so schwierig, klare Risikofaktoren und die zugrunde liegenden Auslöser der Erkrankung zu identifizieren.

Auch die Anzahl der Symptome während der Infektion scheint relevant zu sein. In Studien wird ein frühes Auftreten vieler unterschiedlicher Beschwerden mit einem erhöhten Risiko in Verbindung gebracht.

 

Alter, Geschlecht und gesundheitliche Ausgangslage

 

Mehrere Übersichtsarbeiten weisen darauf hin, dass höheres Alter mit einem erhöhten Risiko für Long COVID verbunden sein kann. Auch eine grössere Zahl an Vorerkrankungen sowie bereits vorhandene körperliche Gebrechlichkeit werden als mögliche Risikofaktoren beschrieben.

Darüber hinaus zeigen statistische Auswertungen, dass Frauen häufiger betroffen sind als Männer. Die Gründe dafür sind noch nicht abschliessend geklärt. Diskutiert werden unter anderem biologische Unterschiede im Immunsystem sowie mögliche Unterschiede in der Wahrnehmung und Dokumentation von Symptomen.

 

Vorerkrankungen als möglicher Einflussfaktor

 

Auch bestimmte gesundheitliche Ausgangslagen scheinen eine Rolle zu spielen. Dazu zählen Stoffwechselerkrankungen wie Diabetes mellitus oder Adipositas, Herz-Kreislauf-Erkrankungen sowie chronische Atemwegserkrankungen.

Diese Faktoren können den Körper insgesamt stärker belasten und die Reaktion auf eine Infektion möglicherweise beeinflussen. Gleichzeitig gilt jedoch: Long COVID kann auch bei Menschen ohne bekannte Vorerkrankungen auftreten, die zuvor gesund und leistungsfähig waren.

 

Neue Erkenntnisse aus der Forschung

 

Derzeit gehen viele Forschende davon aus, dass Long COVID nicht durch einen einzelnen Mechanismus verursacht wird. Stattdessen werden verschiedene biologische Prozesse untersucht, die sich möglicherweise gegenseitig beeinflussen.

Derzeit steht insbesondere die Frage im Fokus der Forschung, ob nach einer Infektion Bestandteile des Coronavirus länger im Körper verbleiben und dort weiterhin Beschwerden auslösen können. Ausserdem wird untersucht, ob ruhende Viren, die viele Menschen bereits in sich tragen, etwa das Epstein-Barr-Virus (EBV), durch die Infektion erneut aktiv werden. Auch Fehlreaktionen des Immunsystems, bei denen die körpereigene Abwehr fälschlicherweise gesundes Gewebe angreift, spielen möglicherweise eine Rolle. Die intensive Erforschung von EBV hängt auch damit zusammen, dass das Virus bereits bei anderen Erkrankungen, wie beispielsweise Multipler Sklerose, als wichtiger Risikofaktor gilt.

Es wird vermutet, dass diese Mechanismen bei den verschiedenen Betroffenen unterschiedlich stark ausgeprägt sein können. Dies könnte erklären, warum Long COVID so unterschiedlich verläuft und warum sich bisher keine einzelne Ursache identifizieren lässt.

 

Ein oft übersehener Aspekt: der Umgang nach der Infektion

 

Neben den medizinischen Faktoren wird auch darüber diskutiert, welchen Einfluss der Umgang mit der Erkrankung in der frühen Phase auf den weiteren Verlauf haben könnte. Viele Betroffene berichten, dass sie nach der akuten Infektion schnell wieder in den Alltag zurückgekehrt sind – teilweise, bevor ihr Körper vollständig stabil war.

Gerade bei Personen, die später eine Belastungsintoleranz oder ein Post-Exertional-Malaise-Syndrom (PEM) entwickeln, kann eine Überlastung eine Rolle spielen. Dabei verschlechtern sich die Symptome häufig verzögert nach körperlicher oder mentaler Anstrengung.

Das bedeutet: Für den weiteren Verlauf kann nicht nur die Infektion selbst, sondern auch die Phase der Erholung relevant sein.

 

Warum sich das Risiko bisher nur schwer vorhersagen lässt

 

Die Forschung zu Long COVID hat in den vergangenen Jahren zwar wichtige Erkenntnisse geliefert, doch es sind noch viele Fragen offen. Ein Grund dafür ist, dass der Begriff „Long COVID” sehr unterschiedliche Beschwerden und Krankheitsverläufe umfasst. Dadurch sind Studien oft nur eingeschränkt miteinander vergleichbar.

Zwar wurden verschiedene Faktoren identifiziert, die mit einem erhöhten Risiko für Long COVID in Zusammenhang stehen können. Keiner dieser Faktoren kann jedoch zuverlässig erklären, warum manche Menschen nach einer Infektion langfristige Beschwerden entwickeln und andere nicht. Auch Personen ohne bekannte Risikofaktoren können betroffen sein.

Für Betroffene bedeutet das vor allem eines: Die Entstehung von Long COVID lässt sich nach aktuellem Wissensstand nicht auf eine einzelne Ursache oder das persönliche Verhalten einer Person zurückführen. Vielmehr scheint eine Vielzahl biologischer Faktoren zusammenzuwirken, die noch nicht vollständig verstanden sind.