Komplementäre Therapien bei Long COVID im Überblick

Komplementäre Therapien bei Long COVID im Überblick

Die Begriffe Komplementärmedizin und Alternativmedizin verstehen sich als Ergänzung oder Alternative zur Schulmedizin. Dazu gehören Naturheilverfahren, Akupunktur, Körpertherapieverfahren, Entspannungsverfahren, Homöopathie, die traditionelle chinesische Medizin und viele mehr.

Bereits im Jahr 2021 hat Altea einen Artikel zu diesem Thema veröffentlicht, der sich vor allem mit der Begriffsklärung und der Abgrenzung zur Schulmedizin befasste. Der vorliegende Beitrag knüpft daran an und richtet den Fokus auf konkrete komplementäre Therapieformen im Zusammenhang mit Long COVID sowie auf den aktuellen Stand der Forschung zu deren Wirksamkeit.

 

Bei vielen chronischen Erkrankungen zielen komplementäre und alternative Therapien darauf ab, Schmerzen zu lindern und die Lebensqualität zu verbessern. Dies zeigt sich auch bei anderen chronischen Erkrankungen wie Multipler Sklerose: Daten aus dem Schweizer MS Register zeigen, dass fast die Hälfte der Betroffenen bereits komplementäre Therapien in Anspruch genommen hat. Als häufigsten Grund für die Anwendung nannten fast 45 % der Befragten die Verbesserung der eigenen Lebensqualität. Am häufigsten wurden dabei Therapien aufgrund von Symptomen wie Fatigue, Stress, Schwäche und Schmerzen eingesetzt.

 

Auch bei Long COVID gewinnen komplementäre Therapieansätze an Bedeutung. Da es bislang keine gezielte ursächliche Behandlung gibt, erfolgt die medizinische Versorgung überwiegend symptomorientiert. Da die Beschwerden individuell sehr unterschiedlich sind, nutzen viele Betroffene ergänzende Methoden, um ihre Symptome zu lindern, ihr Wohlbefinden zu stärken und ihren Genesungsprozess aktiv zu unterstützen.

 

Die Vielfalt der komplementäre Therapien ist gross

 

Komplementäre Therapien decken ein breites Spektrum ab. Zu den bekanntesten Therapieansätze, die sich auch bei Long COVID grosser Beliebtheit erfreuen, gehören:

 

  • Physiotherapie und Atemtherapie
    → Gezielte körperliche Übungen und Atemtechniken helfen, Muskelschwäche zu reduzieren, die Lungenfunktion zu verbessern und die körperliche Belastbarkeit schrittweise zu steigern.

 

  • Ergotherapie
    → Ergotherapeutische Massnahmen unterstützen Betroffene dabei, Alltagsaktivitäten energieeffizient zu bewältigen und mit Fatigue sowie kognitiven Einschränkungen umzugehen.

 

  • Mind-Body- und Entspannungsverfahren (z. B. Meditation, Achtsamkeit, Yoga, Tai-Chi)
    → Diese Methoden fördern Stressreduktion, Körperwahrnehmung und den Umgang mit Erschöpfung und psychischer Belastung.

 

  • Psychoedukation und verhaltenstherapeutische Ansätze
    → Psychologische Begleitung hilft, Symptome einzuordnen, Ängste und Stress zu bewältigen und wirksame Selbstmanagementstrategien zu entwickeln.

 

  • Ernährungsberatung
    → Eine individuell abgestimmte Ernährung kann zur Stabilisierung des Energiehaushalts beitragen und das allgemeine Wohlbefinden unterstützen.

 

  • Akupunktur
    → Akupunktur wird von einigen Betroffenen ergänzend genutzt, insbesondere bei Schmerzen, Schlafstörungen oder Erschöpfung.

 

Viele Betroffene kombinieren mehrere dieser Methoden und passen sie an ihre individuellen Beschwerden und Ressourcen an.

 

Wissenschaftliche Erkenntnisse

 

Komplementäre und alternativmedizinische Therapien gewinnen als mögliche Begleitmethoden für Long‑COVID-Symptome zunehmend an Aufmerksamkeit. Eine umfassende Analyse der aktuellen evidenzbasierten Erkenntnisse in diesem Bereich liegt jedoch bisher nur begrenzt vor. Forschende der Mayo Clinic in den USA und der National University of Singapore haben deshalb 14 randomisierte kontrollierte Studien mit insgesamt 1195 Teilnemer:innen ausgewertet, um einen ersten Einblick in die Wirksamkeit, Sicherheit und Anwendungsbereiche dieser Ansätze zu geben.

 

Die Auswertung zeigt, dass Betroffene neben den eher bekannten Therapien auch weniger bekannte Ansätze genutzt haben. Die Studie zeigt, dass komplementäre und alternativmedizinische Therapien vor allem bei neuropsychiatrischen Störungen (geistige und nervliche Funktionsstörungen), Geruchssinnstörungen, kognitiven Beeinträchtigungen (Gedächtnis- und Konzentrationsprobleme), Müdigkeit, Atemnot und leichter bis mittelschwerer Lungenfibrose zum Einsatz kamen. Dazu gehören unter anderem die selbst angewandte Stimulation des Vagusnervs über das Ohr (nicht-operative elektrische Reizung zur Unterstützung des Nervensystems), Neuro-Meditation (Meditationsübungen für Gehirn und Nervensystem), bestimmte Nahrungsergänzungsmittel, Riechtraining, Aromatherapie, inspiratorisches Muskeltraining (Atemmuskeltraining) sowie Online-Programme für Atemübungen und allgemeines Wohlbefinden.

 

Es konnten positive Effekte auf typische Long-COVID-Symptome wie Müdigkeit, Atembeschwerden, Geruchsstörungen und kognitiven Einschränkungen festgestellt werden. Schwerwiegenden Nebenwirkungen wurden in den Studien nicht berichtet, was auf eine grundsätzlich gute Verträglichkeit hinweist. Gleichzeitig weisen die Autor:innen jedoch auch darauf hin, dass die Ergebnisse mit Vorsichtig zu interpretieren sind, da die Studien methodisch unterschiedlich waren und teilweise nur eine geringe Teilnehmerzahl umfassten. Die Forschung verdeutlicht, dass komplementäre Therapien eine begleitende Rolle bei der Verbesserung des Wohlbefindens und der Lebensqualität spielen können. Es sind jedoch weitere Studien notwendig, um bessere Empfehlungen ableiten zu können.