Sport als Therapieansatz?
Ob regelmässige körperliche Aktivität langfristig zur Verbesserung beitragen kann, darüber gehen die Meinungen sowohl von Fachpersonen und Betroffenen weit auseinander. Viele Betroffene wollen verständlicherweise «alles ausprobieren», was eine Besserung verspricht. Dazu gehören auch strukturierte, trainingsbasierte Therapieansätze.
Anders als bei der reinen Pacing-Strategie, bei der Aktivitäten konsequent an der individuellen Belastungsgrenze ausgerichtet werden und eine Überlastung strikt vermieden wird, zielen trainingsbasierte Konzepte darauf ab, die körperliche Belastbarkeit behutsam und individuell angepasst zu steigern. Dabei steht nicht eine starre Steigerung im Vordergrund, sondern eine kontinuierliche Beobachtung der Symptome und eine flexible Anpassung der Intensität. Es gibt Berichte von Personen, die von einem vorsichtig gesteigerten Training profitieren. Gleichzeitig gibt es aber auch zahlreiche Erfahrungsberichte und fachliche Stellungnahmen, die vor einer massiven Symptomverschlechterung durch Überlastung warnen – insbesondere bei postinfektiösen Fatigue-Syndromen wie PEM und ME/CFS.
Deshalb ist es wichtig, sich der potenziellen Risiken bewusst zu sein. Jede Form des Aktivitäts- oder Trainingsaufbaus sollte individuell angepasst, eng begleitet und symptomorientiert gesteuert werden. Eine eigenständige Umsetzung ohne fachliche Begleitung kann zu einer Verschlechterung des Zustands führen. Im Zweifelsfall sollte zunächst ein konsequentes Pacing im Vordergrund stehen und eine Belastungssteigerung nur sehr behutsam geprüft werden.
TRIBAL-Studie: Individuelles Training bei Long COVID
Nach wie vor können nur die Symptome von Long COVID therapiert werden. Zwar gibt es vielfältige Therapieansätze (Physiotherapie, Atemtherapie etc.), doch es besteht keine Einigkeit darüber, was wirklich hilft. Studien zu individualisierten Bewegungsansätzen, die kontrolliert durchgeführt wurden, gibt es kaum.
Deshalb hat das Deutsche S.P.O.R.T Institut in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln eine Studie initiiert, die darauf abzielt, die Long COVID Symptome (vor allem Fatigue und das allgemeine Wohlbefinden) durch ein individuelles Trainingskonzept zu lindern. An der sogenannten TRIBAL-Studie nehmen rund 60 Proband:innen im Alter von 15 bis 83 Jahren teil. TRIBAL steht für TRainIngsbasierte BehAndlung von Long COVID. In die Studie wurden sowohl jüngere Personen integriert, die vor der Erkrankung Triathlon betrieben haben, als auch ältere Personen, die vor Long COVID noch aktiv waren. Darüber hinaus wurden auch weniger sportliche Personen mit Vorerkrankungen einbezogen. Die Therapie richtet sich an Post-Covid-Erkrankte mi mittlerem Schweregrad. Für Personen mit PEM oder ME/CFS ist sie nicht geeignet.
Die TRIBAL-Studie basiert auf früheren Forschungsergebnissen zu roten Blutkörperchen, die unter anderem für die Sauerstoffversorgung im Körper verantwortlich sind. Untersuchungen haben gezeigt, dass die Versorgung bei Menschen mit Post-Covid beeinträchtigt ist. Es zeigte sich:
- Die roten Blutkörperchen sind weniger verformbar.
- Sie kleben stärker zusammen als normal.
Diese Veränderungen bleiben teils Monate nach der Infektion bestehen.
Warum ist das wichtig?
Wenn sich die Blutkörperchen schlechter bewegen und aneinander haften, kann der Sauerstoff schlechter im Körper verteilt werden. Dies kann zu typischen Beschwerden wie Müdigkeit, Erschöpfung und Leistungsabfall beitragen führen. In der TRIBAL-Studie wird daher untersucht, ob sich diese Eigenschaften der Blutkörperchen durch ein spezielles Training positiv beeinflussen lassen.
Wie funktioniert die Studie?
Zu Beginn betrachten die Forschenden jede betroffene Person sehr genau. Sie prüfen:
- Wie stark die Long-COVID-Symptome sind.
- Welche Probleme im Alltag bestehen.
- Wie belastbar die Person körperlich noch ist.
Dafür werden die Betroffenen in Schweregrade von 0 bis 4 eingestuft. Viele Teilnehmende liegen bei Grad 2 oder 3 — sie sind also deutlich eingeschränkt und können teilweise nicht mehr arbeiten oder ihren Alltag bewältigen.
Die körperliche Leistungsfähigkeit wird mithilfe eines Ausdauertests und des Sit-to-Stand-Tests gemessen. Dabei ist das Ziel, innerhalb einer Minute so oft wie möglich aufzustehen und sich wieder hinzusetzen. Auf Basis dieser Ergebnisse wird anschliessend ein individueller Trainingsplan erstellt.
Je nach Schweregrad trainieren die Teilnehmenden zwei bis drei Mal pro Woche auf einem speziellen Ganzkörper-Ergometer. Eine Trainingseinheit dauert dabei nur rund 15 bis 17 Minuten. Das Training ist in fünf Stufen eingeteilt, für die jeweils ein fest definiertes Ziel gilt. Erst wenn dieses erreicht ist, geht es in die nächste Stufe mit einer höheren Belastung. So soll verhindert werden, dass sich die Betroffenen überlasten und ihre Beschwerden sich verschlimmern. Nach jeder Stufe wird geprüft, ob sich die Leistungsfähigkeit verbessert hat und wie die Laborwerte aussehen. Neben diesen dokumentierten Ergebnissen füllen die Teilnehmenden auch Fragebögen zu ihrer eigenen Wahrnehmung, ihren Symptomen und ihrer Lebensqualität aus.
Was zeigen die Ergebnisse?
Nach 12 Wochen kontrolliertem Training war bei den Teilnehmenden eine signifikante Reduktion der Fatigue-Symptome sowie eine verbesserte körperliche Leistungsfähigkeit zu beobachten. Die Proband:innen kamen im Alltag wieder besser zurecht (z. B. beim Treppensteigen oder bei leichter Gartenarbeit), brauchten weniger Pausen und erholten sich schneller. Zudem wurde berichtet, dass sich die roten Blutzellen wieder normalisiert haben, was zu einer verbesserten Sauerstoffversorgung und somit zu einer besseren Energiebereitstellung geführt. Eine evidenzbasierte Analyse dazu gibt es allerdings noch nicht.
Das Erreichen der höchsten Trainingsstufe (5) bedeutet jedoch nicht automatisch eine vollständige Genesung bzw. Wiederherstellung des Leistungszustands wie vor der Corona-Erkrankung, sondern lediglich, dass der Alltag trotz Belastung wieder besser zu bewältigen ist. Dennoch können Phasen auftreten, in denen es den Betroffenen wieder schlechter geht.
Auch wenn Trainingsprogramme wie TRIBAL erste vielversprechende Ergebnisse zeigen, ist noch nicht abschliessend geklärt, welche Ansätze langfristig die Symptome verbessern oder die Blutversorgung positiv beeinflussen. In der Schweiz wird die TRIBAL-Therapie derzeit nicht angeboten. Wer motiviert ist, etwas Ähnliches auszuprobieren, kann sich an Physiotherapeut:innen oder spezialisierte Reha-Zentren wenden. Diese entwickeln individuelle Trainingspläne, die sich eng an den persönlichen Belastungsgrenzen orientieren. Wichtig bleibt: Langsam steigern, auf den eigenen Körper hören und fachliche Begleitung nutzen, um Überlastungen zu vermeiden und die Lebensqualität Schritt für Schritt zurückzugewinnen.